Die erste Geschichte
hier Probe hören:


„Das Geheimnis der kobaltblauen Glockenblume“
Länge: etwa zehn Minuten.





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Oder die Texte hier Probe lesen:



1
Das Geheimnis
der kobaltblauen Glockenblume

Es waren einmal der liebe Gördi-Papa und der große grüne Nanosaurier. Sie trafen sich nicht oft, aber immer wenn sie sich trafen, spielten sie und tobten. Oder sie gingen im Wald spazieren, was der Saurier hasste, denn er daddelte viel lieber zu Hause auf seinem Gameboy – einer Spezialanfertigung so groß wie ein Tisch, mit Tasten so breit wie Taschenbücher und dem Gewicht von zwei Colakästen. Der Saurier war noch jung, aber seine Pfoten bereits riesig. Für ihn musste alles ein bisschen größer sein. Am liebsten hätte er den Gameboy mit in den Wald genommen. Kräftig genug dafür war er.

„Ich war schon auf Level Fünfzehn“, maulte er, „und jetzt kann ich wegen deiner blöden Blume bei Null anfangen.“ Er hatte die dicken grünen Arme hinterm Rücken verschränkt und trat brummig nach losen Ästen und Hölzern.

„Frische Nachtluft ist gesund“, erklärte Gördi-Papa, „denn nachts atmen die Bäume aus.“ Außerdem brauchte er die blaue Glockenblume dringend für seine Experimente. Am besten gleich drei oder vier Stück. Sie schritten also voran, Mondlicht auf Füßen und Pfoten.

Der Wald lag mitten in der Großstadt, aber wenn man weit genug hineinging, verschluckten Bäume, Sträucher und Gräser fast alle bekannten Geräusche des Alltags. In der Ferne schlug eine Kirchturmuhr zehnmal. Zwei Krähen krächzten.



„Eigentlich müssten Kinder schon längst im Bett sein“, nörgelte der Saurier weiter und spielte mit dem Proviant in seiner Hosentasche – zwei überreifen Matschbananen. Sein Lieblingsobst.

„Na klar, um unter der Bettdecke Gameboy zu spielen“, grinste der Papa und schnupperte ins Dunkel.
Doch er roch nur Kiefernnadeln. Sein Geruchssinn war nicht fein genug entwickelt, um den Duft der blauen Glockenblume – eine Mischung aus Lauch und Honig – wahrzunehmen, den diese nachts, und zwar exakt um 22.22 Uhr bei Vollmond, verströmte. Deshalb hatte er den Saurier mitgenommen. Der konnte alles riechen – verlorengegangene Yu-Gi-Oh-Karten sogar auf hundert Meter.

„Riechst du schon was?“ fragte Gördi-Papa.

„Ja, deine Füße.“

Der Papa ging gern barfuß. So war er der Erde verbunden. Und den Kiefernadeln, den Hundehaufen, den spitzen kleinen Steinen. Doch tagsüber war ihm das peinlich. Da trug er Laufschuhe.

Die Trampelpfade wurden schmaler, das Unterholz dichter. Zweige schlugen ihnen ins Gesicht, Spinnweben verklebten es. Gördi-Papa duckte sich und sah auf sein linkes Handgelenk, wo jetzt die Uhr wäre, wenn er sie nicht zu Hause vergessen hätte. War es womöglich schon Zwanzig nach Zehn?

„Riechst du immer noch nichts?“ raunte er dem Saurier zu.

In diesem Moment sahen sie das Licht. Milchig-blau und keine zehn Schritte vor ihnen schwebte es über dem Nachtboden wie ein Nebel aus einer fernen Galaxie. Dann hörten sie die Stimmen. Dünne, fiese Laute, ein ganz gemeiner Singsang. Verdammt, dachte Gördi-Papa, sie waren wieder mal schneller.

••


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